Was ist Wortabstandsforschung?

Verstehendes Verstehen


Die Wortabstandsforschung (kurz: WaFo) stellt keine geschlossene wissenschaftliche Disziplin oder Methodik dar, sondern ist vielmehr allgemeine Programmatik für eine Texterschließung durch schrittweise oder vollständige (bzw. partielle oder absolute) Negation. Ziel ist es, die beim Lesenden implizit mitgedachte Kontextualisierung zu heben, indem der positive Text selbst in den Hintergrund tritt, und den das Verständnis eines Textes bestimmenden Kontextualisierungshorizont und -umfang als Bedingung der Möglichkeit eines Textganzen zu erschließen. Damit bietet sich die WaFo an als Gegenspieler zum sogenannten divinatorischen Verfahren, in der über Konjekturen Leerstellen des Textes nur vervollständigt werden und man - cum grano salis - den Sinn erraten muss (vgl. Schleiermacher, Friedrich: Hermeneutik und Kritik)

Methodik und Misthodik


Entsprechend des programmatischen Charakters liegt bislang kein primär- oder sekundärliterarischer Kanon im engeren Sinne vor. Einer der wenigen Zentraltexte für ein grundlegendes Verständnis der WaFo stellt der im Jahr 2019 online veröffentlichte Essay „Über die Wortabstände“ dar, in der neben einer systematischen Ein-ordnung des Untersuchungsobjektes erstmals auch die Methodik bzw. "Misthodik" der pm-d (productive misunderstandig-derivation) aus-gebreitet wird, die das Mitgedachte als „Geheimes und Verborgenes“ (vgl. Freud, Sigmund: "Der Moses des Michelangelo") ans Licht der Erkenntnis holt. Weitere Grundlagen der WaFo sind größtenteils (z.T. auch aphoristisch) gebunden in unterschiedlichen Arbeiten zur Philosophie, Sprach- und Kulturwissenschaft sowie in belletristischen und lyrischen Primärtexten. Aus diesem ungeordneten Korpus erwuchsen allerdings wesentliche Impulse für die thematisch-methodische Basis der spezifischen Vorgehensweisen wie „Hebung“ und „Erschließung“.

Horizont und Wechselspiel


Neben der Erforschung der Wortabstände im engeren Sinne einerseits sowie der Eröffnung von Zugängen zu Verstehenshorizonten der Rezipienten andererseits verarbeitet die Wortabstandsforschung in der Auseinandersetzung mit dieser Textbasis auch zentrale Motive und Fragestellungen der Bildenden Kunst-, Musik- und Literaturanalyse. Die WaFo als Vorgehen der Kontextualisierung wird dadurch dreifach produktiv, nämlich für die Textanalyse, die Verständnisintrospektion sowie die Kulturproduktion. Auf diese Weise wird der Wortabstands-forscher (WaFoer) selbst zum Rezi-perzipienten seiner eigenen Prosumtion im kohärenzstiftenden Wechselspiel von Autor-Text-Leser.