Die Leerstelle zwischen der Leerstelle:

vom Wortabstand zum Situationsabstand


Die Spektralliteratur ist eine Konzeptkunst, welche an die Stelle des Verlaufes von Handlungen die Darstellung punktueller Situationen ins Zentrum des Textes rückt. Statt Dramaturgie und Erzählung soll über die Erfahrungswelt im jeweiligen Augenblick ein ungefilterter Zugang zu Welt und Erleben ermöglicht werden. „Jede Situation muss zum ‚atomaren Kern‘ des Gesamttextes – nein: sie selbst muss zum Gesamttext – werden. Wie Kristallisationspunkte der Erkenntnis offenbart jede von ihnen eine eigene Realität des Augenblicks, in der ein ganzes Leben und eine ganze Welt gebunden ist. Sie zusammen bilden ein Spektrum aus Textkristallen. Jedes Spektrum besteht aus vielen einzelnen Situationen [...]“ („Ideen zu einer Spektralliteratur“, https://www.abselut.de/spektralliteratur.html - aufgerufen im August 2022). Die Situation in diesem Sinne fristet textlich gewissermaßen eine Existenz als Insel zwischen weiteren „Situations-Inseln“. Die Frage nach den Bereichen zwischen diesen Inseln liegt damit auf der Hand – in der textlichen Gestaltung ebenso wie in der Rezeption der Spektralliteratur. 


Im Projekt „Die Leerstelle zwischen der Leerstelle“ sollen Ansätze der Wortabstandforschung auf die Analyse der Spektralliteratur überragen werden: An die Stelle des Wortes (im Sinne vom Singular „Wörter“) tritt die Situation als Wort (im Sinne von Singular „Worte“). Um letztlich ein tieferes Verständnis von Leerstelle zu heben, wird zunächst aufbauend auf einer dem Untersuchungsgegenstand angemessen modifizierten Methodik der Ausklammerung die Situation beispielhaft abgetragen. Eine Analyse ihrer Konstitutionsmerkmale folgt und stellt abschließend die Grundlage dar für eine vergleichende Untersuchung der Leerstelle im Wort- und Situationsabstand. 


Die Leerstelle des Geredes:

Realtext ohne Realität


Viele Gespräche im öffentlichen Raum zeichnet eine Besonderheit aus, die sie für Methoden der WaFo besonders interessant machen: Sie sind im Wesentlichen Kontext, d.h. der eigentliche Inhalt besteht nicht im übermittelten Inhalt, sondern im Kontext der

Sprechhandlung (vgl. z.B. Friedemann Schulz von Thun: Miteinander Reden). Dies gilt vor allem für sogenannte „casual talks“ oder auch „small talks“ (hier übergreifend als „Gerede“ bezeichnet). Eine umfassende Analyse dieser Gespräche ist mithin ohne Hinblick auf soziale, örtliche und persönliche Kontexte nicht möglich. 


In der vorliegenden Projektidee soll dieses Merkmal des Geredes künstlich verstärkt und mit Methoden der WaFo untersucht werden. Dafür werden Audio-Aufzeichnungen realer Gespräche zunächst transkribiert und sprachliche formalisiert, um sie vom Kontext zu befreien. Als Informationsinseln können sie nun schrittweise, d.h. partiell oder absolut, eingeklammert werden, um so den zugrunde liegen Kontext (Horizont und Umfang) als konstituierende Merkmale des Geredes zugänglich zu machen. 

Das schwarze Loch der Leerstelle:

Wortabstandslosigkeit in der Sprachpraxis 


Im Gegensatz zur Schriftsprache fallen in der Sprachpraxis Wortabstände in vielen Fällen weg oder werden sogar durch das Zusammenziehen von Wörtern (besonders z.B. im Französischen) gänzlich überdeckt. In Fällen, in denen die Wortabstände hingegen ausgesprochen werden, spielen sie Satzsemantik auch gleich eine besondere Rolle (z.B. im Wort-für-Wort-betonenden Ausruf:  "Geh! Jetzt! Weg!"). 


Welche Funktionen erfüllen Wortabstände also in der Sprachpraxis? Kann eine Analyse am Beispiel eines geschriebenen Textes generelle Bedeutung beanspruchen? Und sind die Methoden der Ausklammerung bzw. partiellen und. absoluten Negation überhhaupt tragfähig für eine Wafo der Sprachpraxis? An ausgewählten Beispielen des gesprochenen Realtextes werden Methoden der klassischen Wafo erprobt und die Ergebnisse in einer vergleichenden Meta-Studie untersucht. Auch werden Erklärungsmodelle der Sprech-Ökonomie und -Soziologie herangezogen und auf ihre Stichhaltigkeit untersucht. Ziel ist es, Ansätze für eine Generalisierung gängiger Wafo-Vorgehensweisen aufzuzeigen.