
Team wortabstand war auf einem Poetry Slam, namentlich dem Wortgefecht in Nürnberg. Was wir dort erlebt haben und warum man es auf keinen Fall verpassen sollte, lest ihr im folgenden Artikel.
Ankunft 19.20 Uhr, losgehen soll es vierzig Minuten später, wir bekommen einen Stempel auf die Hände, der in aufdringlichen Großbuchstaben verrät, dass wir „BEZAHLT“ haben. Die Sitzplätze sind bereits belegt, aber noch ist Platz, wir stellen uns direkt hinter die letzte Reihe.
19.45 Uhr, der Raum füllt sich, die Luft wird dünner. Wir spekulieren, wer von den vielen Gestalten auf der Bühne wohl zur Riege der Slammer gehört und wer nicht.
Relativ pünktlich geht es los, 20.04 Uhr, ein in Thomas Gottschalk-Art gekleideter Mann betritt die Bühne und schnappt sich das Mikrofon. Es ist Michel, das wissen wir aber erst, nachdem wir ihn so begrüßen sollten. Das funktioniert, weil jede Menge Stammzuhörer da sind. Er wird uns durch den Abend begleiten, uns die Slammer vorstellen und die Jurypunkte zusammenrechnen. Er ist also quasi Thomas Gottschalk.
20.20 Uhr: Nachdem Michel uns warm gemacht hat, die Hände zum ersten Mal brennen, die Stimmbänder nach einer heißen Milch mit Honig verlangen, geht es los. Andreas Weber, Poet aus Münster beginnt, tritt jedoch außerhalb der Wertung an, er ist nur Cheerleader, er soll uns einstimmen auf das, was gleich passieren wird. Seine Beiträge drehen sich um den Umweltschutz und Kleine-Jungs-Fantasien, die vom Niveau her nicht unterschiedlicher sein könnten, lustig sind sie aber beide.
20.40 Uhr, nun geht es richtig los. Die Reihenfolge der Teilnehmer wird per Los von einer Glücksfee aus dem Publikum bestimmt. Und schon hören wir die unterschiedlichsten Texte: politische, romantische, meist lustige, wütende, verzweifelte und nicht zuletzt Texte, in denen Herzblut steckt. Und das merkt man auch. Die Themen sind dabei ganz verschieden: vom Nerdalltag über die peinliche Situation, nackt zu sein, bis hin zu König Arthus, der Helden sucht. Jeder Slammer hat sieben Minuten Zeit und erhält neben dem Applaus des Publikums eine Wertung der Jury, die sich aus fünf Zuhörern mit Punktetafeln zusammensetzt.
21.50 Uhr: Alle Slammer sind durch und wir sind erfüllt von Texten. Wir haben gelacht, nachgedacht, wieder gelacht, waren entsetzt, verzweifelt und haben wieder gelacht. Nun kommt das Finale. Die beiden besten Poeten müssen noch einmal ran und in diesem Fall könnten sie unterschiedlicher nicht sein: Der Tom aus Magdeburg, der nun einen Text über den Poetry Slam selbst vorträgt, und Felix Kaden aus Erlangen, der sich über die Wehrpflicht auslässt. Der Tom, der uns spätestens alle 2 Minuten zum Lachen oder Applaudieren bringt, und Felix Kaden, der voll in seinem Text aufgeht und uns als Volk anspricht, das gegen Gewalt sein sollte. Es ist ein ungleiches Rennen, beide sind gut, aber der Unterhaltungswert siegt gegen die düstere Stimmung und den moralisch erhobenen Zeigefinger. Der Tom gewinnt eine Flasche hochprozentigen Alkohol, der unter allen Slammern aufgeteilt wird.

Zwischen 22.30 und 23 Uhr ziehen wir ein Resümee, obwohl uns der Abend noch länger beschäftigt. Wir sind in eine ganz eng zusammengewachsene Szene eingetaucht. Das hat man gemerkt, als die Texter vorher zusammen auf der Bühne saßen und gequatscht haben, als gegenseitig applaudiert und mitgefiebert wurde. Vermutlich gibt es auch unter Poetry Slammern Zickenkrieg, wo gibt es den nicht? Aber wer tut sich so etwas an, die Reisen, den Stress, die stickigen Räumlichkeiten, den verhältnismäßig lächerliche Preis, wenn man nicht mit ganzem Herzen dran hängt? Und das sind sie dann, die Poeten der heutigen Zeit, die ihre Inspiration von Songtexten bekommen oder von unglaublich Alltäglichem, Unwichtigem – aber war das nicht bei Goethe und Schiller auch schon so? Handelt nicht „Kabale und Liebe“ letztlich von den alltäglichen Problemen der Menschen? Und wer Goethes „Liebhaber in allen Gestalten“ kennt, der kann ihn sich wunderbar als Slammer vorstellen. Und wenn Poetry Slams die neue Lyrik hervorbringen? Lyrik ist sonst oft elendig trocken, warum nicht ein bisschen frischen Wind reinbringen? Wenn es Menschen dazu bringt, Gedichte oder meinetwegen auch „Poems“ gut zu finden, dann ist das doch wunderbar. Die Gelegenheit, sich Lyrik live reinzuziehen, sollte man jedenfalls keinesfalls verpassen – also auf zum nächsten Slam, die gibt es ja inzwischen ganz regelmäßig in jeder größeren Stadt.
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